Die Sitzdauer in Deutschland hat ihren bisherigen Rekord gebrochen: Erwachsene verbringen an einem Werktag durchschnittlich zehn Stunden und 13 Minuten im Sitzen. Die neue Zahl, die im DKV-Gesundheitsreport 2025 veröffentlicht wurde, übertrifft den Rekordwert von neun Stunden und 58 Minuten, der erst zwei Jahre zuvor ermittelt wurde, und bestätigt einen stetigen Anstieg seit der ersten Erhebung im Jahr 2015. Forscher der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universität Würzburg, die Interviews mit mehr als 2,800 Einwohnern ausgewertet haben, warnen, dass die zusätzlichen 15 Minuten pro Tag das Risiko für Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes und Stoffwechselstörungen erhöhen.
Am stärksten ausgeprägt ist der Trend bei den 18- bis 29-Jährigen, die mehr als elf Stunden in Sesseln, Hörsälen, Zügen und auf dem Sofa verbringen. Studienautor Ingo Froböse weist darauf hin, dass sich Bildschirmarbeit und abendliches Streaming mittlerweile so stark überschneiden, dass viele junge Befragte dies selten durch Bewegung kompensieren. Ab acht Stunden Schreibtischzeit empfiehlt das Team mindestens 11 Minuten Bewegung täglich, doch nur 60 Prozent erreichen dieses Ziel.
Stress und Ernährung beeinträchtigen die Gesundheit
Lange Phasen der Bewegungslosigkeit sind nur ein Teil des Problems. Dieselbe Umfrage zeigt, dass ungesunde Essgewohnheiten und hohe Stresslevel in Kombination mit viel Sitzen das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen. Nur ein Drittel der Erwachsenen erfüllt die Ernährungsrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und einen moderaten Fleischkonsum vorsehen. Gleichzeitig bewerten nur 20 Prozent ihren Umgang mit Stress als gesund. Bei den 14- bis 30-Jährigen, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen, sind es sogar nur 45 Prozent.
Die Trends bei Alkohol und Nikotin zeichnen ein gemischtes Bild. Rund 80 Prozent der Befragten meiden Zigaretten und E-Zigaretten, aber nur 29 Prozent meiden Bier und Wein. Die Studie aus dem Jahr 2025 verschärfte ihre Maßstäbe, indem sie erstmals E-Zigaretten berücksichtigte und moderaten Alkoholkonsum neu definierte. Dadurch wurden Lücken aufgedeckt, die frühere Studien verdeckt hatten. Die Forscher glauben, dass der strengere Maßstab ein realistischeres Bild alltäglicher Entscheidungen liefert.
Geschlechts- und Altersmuster im Lebensstil
Frauen schneiden in vier der fünf untersuchten Lebensstilbereiche generell besser ab als Männer. Sie rauchen weniger, trinken weniger und ernähren sich nährstoffreicher, was ihren Gesamtgesundheitswert verbessert, obwohl sie von höherem Stress berichten. Männer hingegen weisen geringfügig bessere körperliche Aktivitätswerte auf, erreichen aber dennoch nicht die empfohlenen zwei Muskeltrainingseinheiten pro Woche. Insgesamt erreichen drei Prozent der Frauen alle Benchmarks, verglichen mit einem Prozent der Männer.
Auch die Generationsunterschiede fallen auf. Befragte über 66 Jahre schneiden bei ausgewogener Ernährung und einem ruhigeren Stressempfinden am besten ab, liegen aber nur geringfügig unter dem nationalen Durchschnitt. Bei jüngeren Erwachsenen zeigt sich das umgekehrte Muster: Sie verzichten stärker auf Alkohol, schneiden aber bei Ernährung und Stressbewältigung schlechter ab. Diese gegensätzlichen Tendenzen erklären, warum lediglich zwei Prozent der gesamten Stichprobe nach der engen Definition des Berichts als „vollkommen gesund“ gelten.
Methodik und Benchmark-Veränderungen im Bericht 2025
Der scheinbare Rückgang von 17 Prozent völlig gesunden Menschen im Jahr 2023 auf zwei Prozent im Jahr 2025 ist teilweise auf ein neues Forschungsdesign zurückzuführen. Während sich frühere Ausgaben ausschließlich auf Telefoninterviews stützten, teilten die Forscher dieses Jahr ihre Stichprobe zwischen Telefon- und Online-Fragebögen auf. Projektkoautorin Birgit Sperlich argumentiert, dass Webformulare zu offeneren Antworten ermutigen und den sozialen Erwünschtheitsbias reduzieren, insbesondere bei sensiblen Themen wie Trinkgewohnheiten.
Benchmark-Revisionen haben die Sichtweise weiter geschärft. Gelegentlicher Alkoholkonsum, einst toleriert, disqualifiziert einen Befragten nun aus der gesündesten Kategorie, und Dampfen zählt als Rauchen. Als Analysten die Daten von 2025 mit den alten Schwellenwerten und ausschließlich telefonischen Antworten neu berechneten, stieg der Anteil völlig gesunder Personen auf 12 Prozent. Dies unterstreicht, wie Messentscheidungen die Schlagzeilen im Bereich der öffentlichen Gesundheit beeinflussen.
Experten fordern Maßnahmen gegen die Bewegungsmangelkultur
Um den deutschen Sitzzeitrekord zu brechen, seien Veränderungen zu Hause, in der Schule und am Arbeitsplatz nötig, sagen Experten. Froböse plädiert für strukturierte Bewegungspausen während der Bürozeiten, verpflichtende Sportkurse an Universitäten und eine Stadtgestaltung, die Radfahren und Gehen fördert. Er betont, dass Ernährung und Bewegung sich gegenseitig verstärken: Wer regelmäßig Sport treibt, bereitet eher ausgewogene Mahlzeiten zu und empfindet weniger psychische Belastungen.
Gesundheitsbehörden planen, Kampagnen zur Förderung von Muskelaufbautraining auszuweiten, da nur ein Drittel der Erwachsenen zweimal pro Woche solche Übungen durchführt. Arbeitgeber stehen zudem unter Druck, die von Bildschirmarbeit dominierten Großraumbüros zu überdenken. Ohne systematische Veränderungen, warnen Forscher, könnten die Gesundheitskosten im Land aufgrund von Bewegungsmangel trotz steigender Lebenserwartung stark ansteigen.
