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Verluste der Krankenkassen: 170 Millionen Euro weg

by WeLiveInDE
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Ein unfertiger Rohbau aus Beton mit leeren Fensteröffnungen unter einem rostenden Kran – ein Sinnbild für die Verluste der Krankenkassen bei gescheiterten Immobiliengeschäften.

Jeden Monat fließt ein Teil jedes Gehalts in Deutschland in die gesetzliche Krankenversicherung. Eine gemeinsame Recherche von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, die Mitte Juli veröffentlicht wurde, deckt nun auf, dass mindestens 17 Krankenkassen und Ärzteverbände Mitgliedsbeiträge in fragwürdige Immobilienfonds investiert haben – und dass davon mindestens 170 Millionen Euro verloren gegangen sein dürften. Die Verluste der Krankenkassenfonds werfen in Zeiten stetig steigender Prämien eine unangenehme Frage auf: Wer kontrolliert, wie unser Geld angelegt wird?

Der Bericht beschreibt Investitionen, die über komplexe Fondsstrukturen getätigt wurden und in den Niedrigzinsjahren Renditen von rund sieben Prozent versprachen – weit mehr als die Renditen wirklich sicherer Anlagen zu jener Zeit. Laut der Untersuchung gilt der Großteil des investierten Kapitals mittlerweile als verloren, und mehrere betroffene Institutionen haben die beteiligten Banken verklagt.

Wie die Verluste des Krankenkassenfonds ans Licht kamen

Nach Angaben des Tagesspiegels zu den Ermittlungen investierten mindestens elf gesetzliche Krankenkassen und sechs Kassenärztliche Vereinigungen in die problematischen Fahrzeuge. Zu den genannten Versicherern gehören KKH, Pronova BKK, BKK Gildemeister Seidensticker, Novitas BKK, MKK, IKK Südwest, AOK Bremen, Bahn BKK, BKK Pfalz, Siemens BKK und Viactiv.

Die größte Einzelinvestition eines Versicherers entfällt auf die KKH mit 47.4 Millionen Euro. Von den Ärzteverbänden investierte die KV Baden-Württemberg rund 50 Millionen Euro und die KV Hessen 30 Millionen Euro, wie das Handelsblatt berichtet. Die Gesamtsumme von 170 Millionen Euro wird als Minimum bezeichnet; die tatsächliche Summe im gesamten Sektor könnte höher liegen, und der Begriff „mutmaßlich“ haftet – angeblich – noch immer an vielen Stellen an, solange die Gerichte den Sachverhalt noch klären.

Wohin das Geld ging

Die Investitionen konzentrierten sich auf Immobilienfinanzierungsfonds der Verius-Gruppe, die institutionellen Anlegern als konservative Produkte verkauft wurden. Laut Bericht floss das Geld in Wirklichkeit über vielschichtige Strukturen in riskante Immobiliengeschäfte. Als sich der Immobilienmarkt abschwächte, gerieten die Fonds in erhebliche Schwierigkeiten.

Aus den in den Berichten zitierten Gerichtsakten geht hervor, dass der Schaden nahezu vollständig ist: In einer Klage werden über 96 Prozent der Anlagesumme als verloren geltend gemacht. Mehrere Institutionen geben an, hinsichtlich des Risikos bewusst getäuscht worden zu sein. Die KV Baden-Württemberg hat die Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe vor dem Landgericht Frankfurt wegen vorsätzlicher Täuschung verklagt; die Bank weist die Vorwürfe zurück und lehnt eine Stellungnahme zu den Einzelfällen ab. Über keine der Klagen wurde bisher gerichtlich entschieden.

Regeln, die dies hätten verhindern sollen

Das deutsche Recht ist in diesem Punkt ungewöhnlich streng. Das Sozialgesetzbuch (SGB IV) verpflichtet die Träger der Sozialversicherungsbeiträge, die Beitragszahlungen so anzulegen, dass Verluste weitestgehend ausgeschlossen sind – Sicherheit geht vor Rendite. Anwälte der betroffenen Institutionen und unabhängige Kommentatoren, die in den Berichten zitiert werden, argumentieren, dass ein Fonds, der in einer Niedrigzinsphase sieben Prozent Rendite verspricht, diesen Standard niemals hätte erfüllen können. Daher werden die Anlagen selbst als wahrscheinliche Regelverstöße und nicht nur als Pech bezeichnet.

Eine deutsche Krankenversicherungskarte lag auf einem Stapel Broschüren über Investmentfonds auf einem Büroschreibtisch, wo Beitragszahlungen auf risikoreiche Immobilienfonds trafen.

Die Aufsicht ist jedoch fragmentiert. Das Bundesamt für Soziale Sicherung beaufsichtigt zwar die bundesweit organisierten Versicherer und überprüft deren Anlagen jährlich, die operativen Anlageentscheidungen obliegen aber dem jeweiligen Management der einzelnen Institute. Genau diese Diskrepanz zwischen formalen Regeln und praktischer Kontrolle ist es, für die die betroffenen Mitglieder nun zahlen.

Politische Folgen und die Frage der Verantwortlichkeit

Die politische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Christos Pantazis, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte laut der Pharmazeutischen Zeitung, die Beitragszahlungen stünden den Versicherten und den Arbeitgebern zu. Er kündigte an, die Finanzaufsicht über die Krankenkassen und die bestehenden Kontrollmechanismen würden im Zuge der anstehenden Gesundheitsreform überprüft. Auch die Linkspartei forderte eine vollständige Aufklärung des Vorfalls.

Der Zeitpunkt ist politisch brisant. Die Regierung hat gerade ein schmerzhaftes Sparpaket zur Stabilisierung des Systems verabschiedet, über das wir in unserem Bericht berichtet haben. Reform der Krankenversicherung durch GKVUnd der Gesundheitsminister jagt nach jedem zusätzlichen Cent. Vor diesem Hintergrund ist der mutmaßliche Verlust von mindestens 170 Millionen Euro an Mitgliedsgeldern durch spekulative Immobiliengeschäfte ein schwerer Schlag.

Was dies für versicherte Auswanderer bedeutet

Wenn Sie in Deutschland angestellt sind, zahlen Sie mit ziemlicher Sicherheit in eine dieser Institutionen ein, und Ihr Zusatzbeitrag, der Aufschlag, den jede gesetzliche Krankenversicherung zusätzlich zum Grundbeitrag erhebt, ist in den letzten Jahren wahrscheinlich gestiegen. Die Verluste der Krankenkassenfonds erscheinen zwar nicht auf Ihrer Gehaltsabrechnung, fließen aber in denselben Topf wie Ihre Beiträge. Es ist ratsam, Ihren Versicherer, insbesondere wenn er zu den genannten gehört, zu fragen, wie er die Rücklagen anlegt und was er unternimmt, um die Verluste auszugleichen.

Es besteht kein Grund zur Panik: Die Leistungen sind gesetzlich festgelegt und hängen nicht von den Anlageergebnissen eines einzelnen Versicherers ab. Mitglieder können ihren Versicherer relativ unkompliziert wechseln, wenn sie das Vertrauen verlieren. Eine kurze Übersicht über den Aufbau des Systems und die Alternativen finden Sie in unserem Leitfaden. öffentliche versus private Krankenversicherung in DeutschlandDas größere Problem ist systembedingt und liegt nun bei den Gesetzgebern, die versprochen haben, die Aufsichtslücke in der nächsten Reform zu schließen.

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