Deutschland plant eine bundesweite Zuckersteuer auf gesüßte Getränke. Gesundheitsministerin Nina Warken erklärte Mitte Juli, die Steuer solle 2027 in Kraft treten und jährlich rund 650 Millionen Euro einbringen. Dieses Geld wolle sie dem angeschlagenen gesetzlichen Krankenversicherungssystem und nicht dem allgemeinen Bundeshaushalt zuführen. Die Ministerin bestätigte den Plan gegenüber der Mediengruppe RND und verteidigte ihn am 16. Juli in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“.
Sollte der Plan die Verhandlungen mit dem Finanzministerium überstehen, würde Deutschland sich einer langen Liste von Ländern anschließen, die bereits zuckerhaltige Getränke besteuern. Für Verbraucher wäre die Änderung direkt im Supermarktregal sichtbar, da die Steuer darauf abzielt, zuckerhaltige Getränke pro Liter spürbar zu verteuern.
Warum der Gesundheitsminister eine Zuckersteuer will
Dieser Vorstoß erfolgt in einer Zeit erheblicher finanzieller Belastung für das gesetzliche Krankenversicherungssystem GKV. Das Parlament hat soeben ein Kostendämpfungspaket verabschiedet, das einen weiteren Anstieg der Beitragszahlungen verhindern soll – eine Reform, über die wir bereits berichtet haben. GKV-Krankenversicherungsreform verabschiedetWarken argumentiert, dass zusätzlich zu den Einsparungen neue Einnahmequellen benötigt werden und dass eine Zuckersteuer einen doppelten Nutzen hat: Sie bringt Geld ein und schreckt gleichzeitig vom Konsum ab, der zu Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes und Zahnproblemen führt.
Laut dem Deutschen Ärzteblatt betonte Warken, dass die Krankenkassen im Gegenzug für die geforderten Einsparungen zusätzliche Steuereinnahmen erhalten sollten, damit die Versicherten von der neuen Abgabe profitieren. Die taz berichtete ebenfalls, dass das Ministerium im ersten Jahr mit rund 650 Millionen Euro rechnet, die genauen Details aber noch nicht geklärt seien. „Wir werden die Einzelheiten gemeinsam mit dem Finanzministerium festlegen“, sagte Warken.
So würde die Zuckersteuer an der Kasse funktionieren
Der diskutierte Entwurf folgt einem zweistufigen Modell, das von einer Expertenkommission der Regierung empfohlen wurde. Getränke mit mehr als 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter würden mit etwa 26 Cent pro Liter besteuert, Getränke mit mehr als 8 Gramm Zucker pro 100 Milliliter mit etwa 32 Cent pro Liter. Eine Standardflasche klassischer Cola (1.5 Liter), die in die höchste Steuerklasse fällt, könnte demnach vor Mehrwertsteuerberechnung etwa 48 Cent mehr kosten.
Wasser, ungesüßte Säfte und die meisten Getränke unter der 5-Gramm-Grenze wären nicht betroffen. Die Regelung belohnt bewusst Hersteller, die ihre Rezepturen anpassen, da ein Unterschreiten der Grenze den Wechsel in eine günstigere Steuerklasse oder die vollständige Steuerbefreiung bedeutet. Noch sind nicht alle im Kabinett überzeugt: Das Ärzteblatt merkt an, dass Finanzminister Lars Klingbeil sowohl die Einnahmenschätzung als auch den Zeitplan bis 2027 infrage gestellt hat, sodass sich die endgültigen Steuersätze und der Starttermin noch ändern könnten.
Eine 500-Millionen-Euro-Lücke füllen
Die Ankündigung der Zuckersteuer ging mit weniger erfreulichen Nachrichten einher. Warken räumte ein, dass die Bundesregierung noch immer rund 500 Millionen Euro auftreiben muss, die sie den Ländern für die Krankenhausfinanzierung zugesagt hatte – eine Zusage, die zwar in einem Protokoll zur jüngsten Reform festgehalten, aber nie umgesetzt wurde. „Wir müssen die 500 Millionen noch aufbringen“, sagte sie und fügte hinzu, dass weder Versicherte noch Arbeitgeber diese Last tragen sollten.

Das bedeutet eine weitere Sparrunde im Gesundheitssystem zusätzlich zu den bereits beschlossenen Kürzungen. Die Krankenversicherer bleiben skeptisch, ob dies zu niedrigeren Prämien führen wird. Jens Baas, Chef der großen Techniker Krankenkasse, sagte dem Ärzteblatt, es wäre schon ein Erfolg, wenn die Beitragszahlungen einfach nicht mehr stiegen. Er bezeichnete die jüngste Reform als Notfallmaßnahme und nicht als dauerhafte Lösung.
Welche Zuckerabgaben anderer Länder haben sich geändert?
Deutschland hat dieses Instrument erst spät eingeführt. Großbritannien führte seine Zuckersteuer für zuckerhaltige Getränke 2018 mit einem ähnlichen zweistufigen System ein. Der sichtbarste Effekt war jedoch nicht der Preis an der Kasse, sondern die Rezepturänderung: Viele Hersteller reduzierten den Zuckergehalt unter die festgelegten Grenzwerte, um die Steuer ganz zu umgehen. Dutzende andere Länder, von Frankreich bis Mexiko, besteuern zuckerhaltige Getränke in irgendeiner Form.
Bislang setzte Deutschland auf freiwillige Zusagen der Lebensmittelindustrie zur Zuckerreduzierung – ein Ansatz, der von Gesundheitsforschern seit Langem als zu langsam kritisiert wird. Eine verbindliche Steuer mit klaren Grenzwerten wäre ein deutlicher Kurswechsel für ein Land, das traditionell eher zurückhaltend war, wenn es darum ging, die Ernährung über Preise zu lenken.
Was die Zuckersteuer für im Ausland lebende Haushalte bedeutet
Für die meisten Haushalte werden die direkten Kosten gering und leicht zu bewältigen sein. Da die Steuer nur eine kleine Produktgruppe betrifft, liegt die praktische Lösung in der Substitution: Wasser, Sprudelwasser mit Saft und zuckerfreie Varianten bleiben steuerfrei oder nahezu steuerfrei. Wer regelmäßig Kisten mit Erfrischungsgetränken kauft, sollte mit Preisänderungen im Jahr 2027 rechnen und die Preise pro Liter genauer vergleichen – eine Angewohnheit, die sich ohnehin lohnt. Tipps zum Lebensmitteleinkauf für Deutschland.
Für Expats ist die wichtigere Frage, wohin das Geld fließt. Jeder Arbeitnehmer in Deutschland zahlt in die Krankenversicherung ein, und die Beiträge steigen seit Jahren. Eine Zuckersteuer, die der GKV zugutekommen soll, wäre eine der ersten neuen Einnahmequellen, die direkt in dieses System fließen würden, anstatt vom Gehalt abgezogen zu werden. Ob sie planmäßig 2027 und in der angekündigten Höhe eingeführt wird, hängt nun von den Verhandlungen zwischen dem Gesundheitsministerium und dem Finanzministerium in den kommenden Monaten ab.
